Mit der Nachricht musste nach einem letzten schweren Krankheitsschub gerechnet werden, aber sie ist auch noch einige Tage später für viele unfassbar und macht betroffen. Der engagierte Allgemein- und Sportmediziner aus Wemmetsweiler und weitgereiste Olympiaarzt Dr. med. Bernd Dörr verstarb am 23. Juli 2026 im Alter von 80 Jahren im Universitätsklinikum Homburg.
Geboren als zweites von insgesamt drei Geschwistern am 28. September 1945 inmitten der Wirren einer entbehrungsreichen Nachkriegszeit, wurde dem jungen Bernd Dörr der Hang zur eisernen Materie sozusagen in die Wiege gelegt. Sein Vater Rudolf war bereits 1947 Vorsitzender der Wemmetsweiler Ringer und Gewichtheber und sollte den Athletenclub „Heros“ noch weitere 45 Jahre sicher durch die Höhen und Tiefen der Zeit navigieren.
Bernd Dörr erwarb die Trainerlizenz und führte in den Jahren 1969 bis 1973 gemeinsam mit seinem Sportfreund Ottokar Brill die Jugendlichen und Junioren des Vereins zu zahlreichen saarländischen und deutschen Meistertiteln in der Einzel- und Mannschaftswertung. Er selbst betrieb ebenfalls die Sportart Gewichtheben und brachte es dort zu beachtlichen Leistungen.
1971 schloss Bernd Dörr sein Studium der Medizin erfolgreich ab. Die Jahre 1972 bis 1978 waren geprägt durch die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, durch die Ableistung des Wehrdienstes als Stabsarzt beim Fallschirmjägerbataillon in Lebach und durch die Promotion zum Doktor der Medizin. 1979 eröffnete er in Wemmetsweiler eine eigene Praxis als niedergelassener Arzt für Allgemein- und Sportmedizin.
Bernd Dörrs Affinität zum Leistungssport sowie seine komplementären Kompetenzen in Trainingslehre und Sportmedizin ließen den Deutschen Gewichtheberverband und später auch den Internationalen Weltverband IWF auf den jungen Saarländer aufmerksam werden. Bereits 1975 wurde der Allrounder zum betreuenden Mannschaftsarzt im Bundesverband bestellt, 1980 folgte die Berufung in die medizinische Kommission des Internationalen Gewichtheberverbandes.
1988 in Seoul betreute Bernd Dörr erstmals ein Team des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber bei Olympischen Spielen. Es folgten fünf weitere Teilnahmen am weltweit wichtigsten Sportereignis, wobei auch noch andere Olympiateams zu betreuen waren, so die Ruderer und die Athleten des Badminton-Verbandes. Mit den Gewichthebern Rolf Milser, Ronny Weller und Matthias Steiner fielen drei namhafte Olympiasieger in die Ägide des Verbandsarztes aus Wemmetsweiler. Hinzu treten neben saarländischen und deutschen Spitzenhebern wie Gerd Kennel, Hartmut Daub, Manfred Nerlinger und Oliver Caruso auch Speerwerfer Boris Henry und mit Karl-Hans Riehm, Christoph Sahner, Heinz Weis und Edwin Klein die legendäre Hammerwurfgilde der 70er und 80er Jahre. Alle Athleten aufzuzählen, die durch die Hände von Bernd Dörr gingen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.
Im sportlichen Alltag arbeitete Bernd ab 1988 neben seiner Kerntätigkeit in der Wemmetsweiler Praxis als freiberuflicher Mitarbeiter am Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saar und ab 1991 als Verbandsarzt des Saarländischen Tennisbundes. Auch in den Hochburgen des saarländischen Gewichthebens sowie des Ringer- und Badmintonsports war seine fachliche Expertise stets gefragt.
Bernds hartnäckiger Kampf gegen die Dopingproblematik im Gewichtheben und anderen Sportarten führte fast zwangsläufig dazu, dass er 2002 in die Arbeitsgruppe Medizin und Analytik der NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur) berufen wurde.
Das hohe und oft ehrenamtliche Engagement von Bernd Dörr blieb offiziellen Stellen nicht verborgen. Im Jahre 2007 wurde ihm, wie schon seinem Vater 17 Jahre zuvor, das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Bereits 2006 war Bernd Dörr auf Vorschlag von Universitätsprofessor Dr. med. Wilfried Kindermann vom Verein der Verbandsärzte Deutschlands e.V. zum Sportarzt des Jahres gewählt worden. Die Verleihung fand damals, wie heute übrigens immer noch, im Rahmen des Jahreskongresses der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GODS) statt.
Professor Kindermann hatte in seiner damaligen Laudatio unter anderem aufgeführt, dass Bernd, dem auch ein „gutes Gespür für abklärungsbedürftige internistische und kardiologische Befunde“ sowie ein „unverkennbares orthopädisches Faible“ zu eigen sei, den Menschen stets als Ganzes betrachte und sich deshalb aus Überzeugung für die Fachsparte der umfassenden Allgemeinmedizin entschieden habe. Als leitender Mannschaftsarzt in Sidney 2000 und Athen 2004 schätzte Wilfried Kindermann seinen Mitarbeiter Bernd Dörr als höchst zuverlässigen und unprätentiös auftretenden Kollegen, der sich das Vertrauen der vorwettkampf-gestressten Athleten durch Geduld und psychologisches Einfühlungsvermögen erworben habe.
Nicht nur aus Sicht von Wilfried Kindermann hat Bernd Dörr stets der Versuchung widerstanden, die Bühne des Spitzensports zur eigenen Profilierung zu benutzen. Im Mittelpunkt standen bei ihm einzig die Sportler, die er ungeachtet ihrer Einstufung als Nachwuchsstalent oder Superstar grundsätzlich mit der gleichen Sorgfalt behandelte. Zur Förderung sportlicher Spitzenleistungen mit sauberen Mitteln hat er sich immer bekannt, andererseits aber dort eine deutliche Grenze gezogen, wo es um die Unversehrtheit und Gesundheit der Athletinnen und Athleten ging.
Rückblende: Einen tiefen Einschnitt in Bernd Dörrs Leben verursachte ein schwerer Unfall im Jahre
1983, der eine sogenannte inkomplette Querschnittslähmung mit erheblichen Bewegungseinschränkungen zur Folge hatte. Doch dank seines unbeugsamen Willens schaffte Bernd das Unmögliche. Er kam mit unglaublicher Energie und eiserner Disziplin zurück auf die Beine und konnte trotz bleibenden Handicaps wieder in der eigenen Praxis und auch weiterhin im Dienste des Spitzensports arbeiten. In der knapp bemessenen Freizeit trainierte Bernd hart und unternahm mithilfe seiner Gehstöcke anspruchsvolle Wanderungen. Als symbolhaft für seinen eisernen Durchhaltewillen kann mit Fug und Recht die Besteigung des 3718 Meter hohen Teide-Gipfels auf Teneriffa im Jahre 2008 gesehen werden.
Erst 2014, also ein Jahr vor dem siebzigsten Lebensjahr, trat Bernd in den Ruhestand. Als ärztlicher Betreuer der Gewichtheber-Nationalmannschaft hatte er seinen Abschied bereits im Jahre 2008 eingereicht und das Amt in die Hände seines ältesten Sohnes gelegt. Dominik war zu diesem Zeitpunkt als Arzt schon längst in die Fußstapfen des Vaters getreten, während Alexander, der zweite Sohn, als Molekularbiologe Fuß in der Schweiz gefasst hatte.
Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand leistete Bernd Dörr regelmäßig wertvolle Dienste an Menschen, die seinen Rat suchten. Er beriet, analysierte, vermittelte und beeinflusste durch das eigene Vorbild. Solange es ging, besuchte er Wettkämpfe und Turniere im Ringen, Gewichtheben, Tennis oder Badminton.
Ab dem Jahre 2016 war Bernd aufgrund zunehmender Beschwerden immer häufiger auf den Rollstuhl angewiesen. Mit viel Energie, professioneller Sachlichkeit und in steter Suche nach möglichen Behandlungsmethoden stellte Bernd sich auch diesen Widrigkeiten entgegen, wobei er in Ehefrau Christine wie immer eine wertvolle Unterstützung hatte. Selbst während dieser schwierigen Zeit suchte er die körperliche Herausforderung und machte in den guten Phasen, die allerdings immer seltener wurden, Ausflüge mit seinem elektrounterstützten Handbike.
Am Ende reichte die Kraft nicht mehr. Bernd Dörr entschlief nach längerem Krankenhausaufenthalt friedlich in Anwesenheit der Familie. Dieser gilt das ganz besondere Mitgefühl zahlreicher dankbarer Patienten, Sportkameraden und Freunde aus nah und fern.
Wir alle werden „unseren Doc“ in bester Erinnerung behalten.
Für den SGV und den AC Heros Wemmetsweiler
Vera Loch, Dieter Keßler und Erich Hoffmann